Die Geschichte der 60 Seemeilen

Hat die (Lust)-Segelgeschichte in Berlin zwar eine schon vierhundert Jahre alte Tradition, so ist die Lebensdauer von fünfzig Jahren für eine einzelne Regatta doch einen besonderen Rahmen. Der Potsdamer Yacht Club wird für dieses Ereignis ein attraktives Rahmenprogramm vorbereiten und freut sich auf viele Teilnehmer. Bereits die traditionelle Steuermannsbesprechung am Mittwoch vor der Regatta wird den Rahmen für Spiel und Spaß an Land und auf dem Wasser bilden. Trimm-Tips, BBQ, Freigetränke und einige Überraschungen sollen die Crews auf den fairen Verlauf der Regatta einstimmen.

Sechzig Seemeilen auf einem Binnenrevier, dazu noch nachts und unter Regattabedingungen: Diese anspruchsvolle Verbindung unterschiedlichster Anforderungen an die Segler und ihre Yachten, aber auch der sportliche Reiz durch die gleichzeitige Konkurrenz von Jollenkreuzer und high-tech-Renner sind die Basis für die lange Erfolgsgeschichte dieser Yardstickregatta des Potsdamer Yacht Clubs. Über - und für die - Nacht “erfunden“ wurde sie allerdings nicht. Die gedanklichen Anfänge reichen bis in die dreißiger Jahre zurück, als Langstreckenfahrten auch als Zuverlässigkeitsprüfungen für Mensch und Material angesehen wurden.

So fand die erste dokumentierte Nacht-Zuverlässigkeitsfahrt am 15./16.Juni 1940 statt. Zahlreiche Yachten kamen zum Start bei Schwanenwerder, erstes Ziel sollte die Krampnitzbucht (nördlich von Potsdam) sein, der Endpunkt dann der Wannsee. Der Wind zeichnete sich allerdings durch eine ganz unglaubliche Unzuverlässigkeit aus, er schlief laut eines Teilnehmers schon vor dem Start fast völlig ein. Der Begleitdampfer mutierte daher zum Schlepper, die Yachten wurden zur Startlinie und, nach mehrstündigem Treiben in der Flaute, zurück zum Potsdamer Yacht Club geschleppt. Verdunklungsgebot und später doch einsetzender Wind mit Regen konnten aber die optimistische Stimmung der Yachties im Schleppzug nur wenig beeinflussen.

Erst nach dem Krieg fand diese Premiere der Nacht-Zuverlässigkeitsfahrt ihre Fortsetzung und Erweiterung. Infolge der politischen Rahmenbedingungen konnten die Berliner Segler damals die Verbindung zu den angestammten Regattarevieren, vor allem zu denen auf der Ostsee, nur mit großer Mühe aufrechterhalten.

Zwar haben die Alliierten in den ersten Nachkriegsjahren die traditionellen Segelvereine nicht lizensiert, doch durfte immerhin der “Seglerverein Wannsee“ gegründet werden, unter tatkräftiger Teilnahme der Mitglieder des Potsdamer Yacht Clubs. Unter dem Stander des S.V.W. hatten die “Sechzig Seemeilen von Berlin“ ihre Geburtsstunde am 24.Juli 1948 um 17.00 bei Schwanenwerder mit einem lautlosen, “ fliegenden Start“, Startpistolen waren ja noch verboten. 45 Segelyachten gingen unter Regattabedingungen auf den nächtlichen Törn zwischen Pichelsdorf und Pfaueninsel.

Die Bemühungen zur Wiederentstehung des Potsdamer Yacht Clubs waren 1949 mit einem Teilerfolg gekrönt. Unter dem neuen Namen “Havel-Yacht-Club, bisher Potsdamer Yacht Club, e.V.“ konnten die Mitglieder die Clubtätigkeit offiziell wieder aufnehmen, und natürlich auch die “60 Seemeilen von Berlin“ zum ersten Mal unter der Flagge des PYC austragen, am 9./10. Juli 1949. Absolut schnellstes Boot war der 20 qm Jollenkreuzer mit Eigner Dr.Dubrow.

Viele Geschichten werden seit damals über und von dieser einzigartigen Wettfahrt erzählt. Doch nur das eigene Erlebnis läßt den Wahrheitsgehalt so manches Berichtes erkennen. Jedenfalls reichen die Wetterverhältnisse von der Flaute bis zum Starkwind, vom Nieselregen bei 5oC bis zu milden Sommernächten mit Badepausen, vom manchmal beängstigendem Gedränge beim Start bis zur morgendlich ruhigen Versammlung der Boote im Licht der aufgehenden Sonne, nicht zu vergessen die vielfache Möglichkeit des Erwerbs von “Grundbesitz“. Doch gerade von und mit dieser Spannung leben die “60 Seemeilen von Berlin“.